Bildungskonzepte im nordamerikanischen Universitätsroman

Zitieren

Dateien zu dieser Ressource

Prüfsumme: MD5:b3b7d65bfc97a1acc27b88d7333c697a

MÜLLER, Annette Regina, 2006. Bildungskonzepte im nordamerikanischen Universitätsroman [Dissertation]. Konstanz: University of Konstanz

@phdthesis{Muller2006Bildu-3576, title={Bildungskonzepte im nordamerikanischen Universitätsroman}, year={2006}, author={Müller, Annette Regina}, address={Konstanz}, school={Universität Konstanz} }

deposit-license Müller, Annette Regina 2011-03-23T13:48:06Z 2006 2011-03-23T13:48:06Z Educational Concepts in North American University Novels Müller, Annette Regina Bei der Gattung des Universitätsromans handelt es sich weitgehend um ein angelsächsisches Phänomen, das vor allem in Großbritannien und Nordamerika verbreitet ist (Antor 1994/1995: 3), und in der vorliegenden Arbeit in einem Zeitraum von 1920 bis 2000 in den Vereinigten Staaten und Kanada in einer gattungsgeschichtlichen Übersicht vorgestellt wird. Dazu werden 25 amerikanische und 15 kanadische Romane ausgewählt und anhand von fünf Facetten, dem Bild der Lehrenden, der Studierenden, der akademischen Figurenkonstellation, dem Bild der Universität und der Darstellung des Verhältnisses zwischen Universität und Gesellschaft, in chronologischer Reihenfolge in zwei zentralen Kapiteln der Arbeit vorgestellt. Als Definition des Genres des Universitätsromans wird folgende Überlegungen zugrunde gelegt: Da der Universitätsroman sich jeweils explizit auf die Institution Universität in der gesellschaftlichen Wirklichkeit bezieht, ist sein wichtigstes konstitutives Merkmal, dass wesentliche Züge dieser Institution, sei es in realistischer Mimesis, die bis zur exakten Beschreibung einer realen Universität gehen kann, sei es in stilisierender, modellhafter Darstellung einschließlich karikaturistischer Übertreibung oder satirischer Verzerrung in den fiktionalen Gesamtentwurf der Handlungswelt des Romans eingebracht werden. Zu diesen Zügen gehört das Nebeneinander zweier funktional voneinander getrennter Gruppen, der Studierenden und der Dozenten, die Hierarchie des Lehrkörpers und die relativ starke Abgeschlossenheit gegenüber der gesamten Gesellschaft, für die die Universität jedoch gleichzeitig eine wichtige Funktion hat. (Weiß 1988: 20f.). So wird laut Weiß der Universitätsroman über die Kategorien des Raumes und der Charaktere zusammen in direkter Verbindung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit bestimmt. Mit Blick auf die soziopolitische Funktion der literarischen Texte den Universitätsroman wird die Funktion eines Universitätsromans festgelegt als seit seinen Anfängen Teil des gesellschaftlichen Diskurses, in dem am Beispiel der Universität über die Normen, den Sinn und die Funktion von Bildung gerungen wird. (Weiß 1988: 9). Oftmals tritt damit in den literarischen Texten die Darstellung der Institution Universität zugunsten dieser diskursiven Funktion in den Hintergrund und gibt Raum für die Präsentation des Verhältnisses dieser Institution und der Gesellschaft. Insbesondere die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften sind Dreh- und Angelpunkt kontroverser Auseinandersetzungen und hitziger Diskussionen.<br /><br />Bei allen Analysen steht das in den Universitätsromanen repräsentierte Bildungskonzept im Vordergrund des Gattungsüberblicks. Grundlage der Bewertung der einzelnen Facetten sind die theoretischen Ausführungen zu den Bildungskonzepten des Humanismus, des Utilitarismus, des Anti-Intellektualismus, der Liberal Culture und der Debatte um die akademische Freiheit. Mit Hilfe historischer Fakten zur sozialen und politischen Entwicklung des jeweiligen Landes, insbesondere zur Entstehung und Entwicklung der Hochschullandschaft und der Bildungspolitik, und mit Hilfe der Kenntnisse über innerliterarische Tendenzen wird gezeigt, dass der Universitätsroman in seiner nationalen Ausprägung mit den dahinterstehenden Wertvorstellungen und bildungspolitischen Konzepten über eine Zeitraum von achtzig Jahren erfasst werden kann.<br /><br />Die Methode, die sich für eine derartige literarische Analyse unter Berücksichtigung historischer und kultureller Hintergründe und auch nicht-fiktionaler Texte verwendet wird, ist die des New Historicism. Basis dabei ist die Annahme, dass literarische Texte representations of the culture from which they emerge (Myers 1988-1989: 31). Die Aussage des shaping rather than reflecting an age s understanding of human experience and potentiality (Myers 1988-1989: 32) bindet dabei literarische Texte nicht an eine Funktion der direkten Realitätsabbildung, sondern definiert sie als Teil eines reziproken Kulturaustausches. Damit wird die Analyse der Universitätsromane sowohl zu einer literarischen Untersuchung des Genres als solches als auch zu einer Studie der sprachlichen Konstruktion und Produktion von kultureller Realität und Identität.<br /><br />Innerhalb der amerikanischen Universitätsromane lässt sich die Gattung in sog. student-centered und staff-centered university novels unterteilen, wobei jedoch die Darstellung des individuellen Reifungsprozesses eines jungen Menschen an der Universität innerhalb der amerikanischen Gattungsentwicklung mit Beginn der 1940er Jahre zu Ende ist. In der kanadischen Gattungsentwicklung entfällt der markante Wechsel von studentischer zu dozentischer Perspektive gänzlich. Als zweites innovatives Element präsentiert die kanadische Gattungsentwicklung innerhalb der protagonistischen Facette ein feines Gespür für geschlechterrollenspezifische Aspekte und erweist sich zwar in vielen Elementen der Charakterdarstellung der englischen und amerikanischen Traditionslinie verpflichtet, doch auch bereit, inhaltlich Neuland zu betreten. Auch der hohe Anteil weiblicher Schriftsteller, die sich literarisch mit dem akademischen Milieu beschäftigen und den spezifisch weiblichen Schwierigkeiten in diesem Berufsfeld auseinandersetzen prägt die kanadische Gattung im Gegensatz zu den USA in besonderem Maße und fällt vor allem in den 1980er Jahren ins Auge.<br /><br />Die Universität als Institution innerhalb der Gesellschaft wird insgesamt zum Dreh- und Angelpunkt der Bildungsdebatte, die Darstellung der literarischen Charaktere samt den von ihnen verkörperten Bildungsidealen ist dabei in ihrer Individualität, wie sie in den ersten Dekaden sichtbar wird, in den Hintergrund gedrängt worden. Das Motiv des individuellen Reifungs- und Erziehungsprozesses tritt trotz der erneuten narrativen Stärkung der Charakterdarstellung in keinem der beiden nordamerikanischen Gattungszweige wieder auf.<br /><br />Die Facette der Hochschuldarstellung kann in der Gattungsentwicklung des 20. Jahrhunderts nicht von gesellschaftlichen Entwicklungen und Tendenzen getrennt werden und eine enge Verknüpfung mit gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Veränderungen, die jedoch nicht mit einer direkten Widerspiegelung der historischen Realität gleichgesetzt werden darf, ist in allen acht Dekaden zu erkennen. Auffälligstes Charakteristikum zu Beginn des Untersuchungszeitraums ist dabei, dass gesellschaftliche Erwartungen und universitäre Realität weit auseinander zu driften scheinen. Dabei ist die Orientierung der gesamten kanadischen Literatur am britischen Mutterland aufgrund der historischen Entwicklung des Landes insgesamt höher einzustufen als auf amerikanischer Seite, doch scheint gerade eine relativ späte eigenständige Entwicklung der Literatur Kanadas auch in der Gattung des Universitätsromans ab der Mitte des vergangenen Jahrhunderts einer umso klareren nationalen Prägung Vorschub geleistet zu haben,<br />In der Gegenüberstellung der beiden Gattungszweige sind nach dem Vergleich der einzelnen Romanfacetten zwei Grundsätze erkennbar, in welchem Maße sich die literaturgeschichtlichen und gesellschaftlich-kulturellen Aspekte auf die gattungsgeschichtliche Entwicklung auswirken. Nach dem Ersten Weltkrieg werden die literarischen Aspekte der allgemeinen Romanentwicklung bei der Entstehung der Gattung in Kanada stärker berücksichtigt als in den nachfolgenden Jahrzehnten und auch auf amerikanischer Seite zeigt die Epoche der Moderne Einfluss auf die Universitätsromane dieser Zeit. Die Loslösung von britischen Vorbildern, die in den USA in den 1930er Jahren, in Kanada in den 1950er Jahren den Fokus auf eigene nationale Charakteristika verschiebt, ist ebenfalls eher von literarischen denn soziokulturellen Faktoren beeinflusst. Dies ändert sich im Laufe der Gattungsentwicklung und leitet eine zweite Tendenz ein, in der historische, gesellschaftliche und kulturelle Faktoren die inhaltliche Ausrichtung stärker prägen als die allgemeine Literaturentwicklung. Die Dichotomie von Humanismus und Utilitarismus ist darin das beständigste Motiv. Es bestimmt die inhaltliche Konzeption der Werke seit dem gattungsgeschichtlichen Entstehen, tritt jedoch vor allem in der ersten Phase der kanadischen Gattungsentwicklung zunächst hinter innerliterarische Einflussfaktoren zurück. Der Bildungsdiskurs ist auf beiden Seiten nachhaltig von den aus viktorianischer Zeit tradierten humanistischen Positionen Matthew Arnolds und John Henry Newmans in Gegenüberstellung zu Jeremy Benthams und John Stuart Mills utilitaristischen Konzepten geprägt und wird zudem durch die amerikanischen Bildungsthesen von Ralf Waldo Emerson neu abgesteckt. In der kanadischen Gattungsvariante werden in der Tradition englischer Universitätsromane zusätzlich die Aspekte der self-culture dialogisch ergänzend, relativierend oder demontierend inszeniert. Man kann insgesamt davon ausgehen, dass analog zur Forderung des New Historicism nach einer Kohärenz zwischen dem Text selbst und dem, was im allgemeinen als Kontext bezeichnet wird, die oben genannte Dichotomie über den gesamten Zeitraum hinweg als soziokultureller Hintergrund dieser Jahrzehnte betrachtet werden kann. Gemäß des theoretischen Ansatzes von Raman Selden sind damit alle in den Romanen dargestellten Bildungskonzepte eine Art Stimmungsbild der gesellschaftlichen Realität, ohne diese direkt wiederzugeben. Dabei bleibt die Funktion der Universität als Raum für diese Repräsentation erhalten und die Abbildung der Universität als gesellschaftlicher Mikrokosmos ist von Beginn an in beiden Gattungszweigen zu erkennen.<br /><br />Betrachtet man alle analysierten Facetten innerhalb der amerikanischen und kanadischen Universitätsromane, so scheinen beide Gattungen, die einer gemeinsamen europäischen Traditionslinie entspringen, den in ihrem Wesen angelegten Variantenreichtum auf unterschiedlichem Wege als literarischen Bildungsdiskurs in unterschiedlicher Repräsentation genutzt zu haben, um sich auf wesentliche Merkmale und Tendenzen der eigenen Gesellschaft und damit auf spezifisch nationale Charakteristika zu konzentrieren.<br />Die Tatsache, dass sich dabei die Darstellung der Institution Universität immer weniger von der allgemeinen Gesellschaftsentwicklung trennen lässt, das literarische Motiv der universitären Abgehobenheit als Folge davon immer schwächer wird, zeigt, dass der akademische Raum in gleichem Maße wie die sich damit beschäftigende Fiktion Teil der Kultur und Gesellschaft eines Landes ist. In wechselseitiger Einflussnahme sind die Universität, die Gesellschaft, die Kultur und die Gattung des Universitätsromans eng miteinander verflochten und bieten in literarischer Bearbeitung trotzdem einen flexiblen Rahmen für eine diskursive Bildungsdiskussion, die der Gattung zugrunde liegt. Die unterschiedlichen Bilder der Bildung zeugen von der Vielseitigkeit und der gleichzeitigen Konstanz der Gattung und sind in unterschiedlich kritischem Ansatz und Blickwinkel in ihrem Kerngedanken eine tiefe Hommage an universitäre Bildung und Erziehung. application/pdf Bildungskonzepte im nordamerikanischen Universitätsroman deu

Dateiabrufe seit 01.10.2014 (Informationen über die Zugriffsstatistik)

Diss_Mueller.pdf 427

Das Dokument erscheint in:

KOPS Suche


Stöbern

Mein Benutzerkonto