Der Einfluss von Stress auf abrufinduziertes Vergessen

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KÖSSLER, Susanne, 2010. Der Einfluss von Stress auf abrufinduziertes Vergessen

@phdthesis{Koler2010Einfl-10125, title={Der Einfluss von Stress auf abrufinduziertes Vergessen}, year={2010}, author={Kößler, Susanne}, address={Konstanz}, school={Universität Konstanz} }

Kößler, Susanne 2011-03-25T09:14:20Z 2010 2011-03-25T09:14:20Z Kößler, Susanne deu Der Einfluss von Stress auf abrufinduziertes Vergessen deposit-license The influence of stress on retrieval-induced forgetting application/pdf Abrufinduziertes Vergessen bezeichnet das Phänomen, dass die Abrufübung einer Teilmenge zuvor gelernten Materials zum Vergessen verwandter nicht abrufgeübter Inhalte führen kann. Das Phänomen gilt als adaptiv und wird auf automatische Inhibitionskontrollmechanismen im episodischen Gedächtnis zurückgeführt. Bildgebende Studien sprechen für eine Beteiligung des präfrontalen Cortex (inklusive des anterioren cingulären Cortex; ACC) und des Hippocampus beim abrufinduzierten Vergessen.<br />Im Rahmen dieser Arbeit wurden drei Experimente durchgeführt, welche den Einfluss von Stress auf abrufinduziertes Vergessen näher untersuchten. Bekannt ist, dass Stress Einfluss auf Gedächtnisabruf und Konsolidierung nimmt. Dagegen sind die Auswirkungen von Stress auf Gedächtniskontrollprozesse kaum untersucht. Die intrusiven Symptome bei der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) lassen jedoch annehmen, dass dysfunktionale Gedächtniskontrollmechanismen auch nach Extremstresserfahrungen eine wesentliche Rolle spielen. Zudem gelten PFC, ACC und Hippocampus als besonders stresssensitiv.<br />In Studie 1 untersuchten wir, ob psychosozialer Stress Einfluss auf abrufinduziertes Vergessen nimmt. Die Versuchspersonen lernten zunächst kategorisierte Listen. Dann wurden die Probanden entweder mittels eines Laborstressors gestresst oder sollten eine kognitiv herausfordernde, jedoch nicht stressige Kontrollaufgabe durchführen. Anschließend wurde ein Teil des zuvor gelernten Materials abrufgeübt, bevor schließlich sämtliche anfangs gelernten Inhalte abgerufen werden sollten. In der Stressbedingung führte die Abrufübung nicht zum Vergessen verwandten Materials. Stress hob damit abrufinduziertes Vergessen auf. Eine post-hoc durchgeführte Analyse zeigte zudem, dass der individuelle stressinduzierte Cortisolanstieg mit der Aufhebung des Effektes in Verbindung stand, was auf Cortisol als eine mögliche Mediatorsubstanz hindeutete und zu Studie 2 veranlasste.<br />In Studie 2, einer Doppelblindstudie, verabreichten wir einem Teil der Probanden 25 mg Hydrocortison (versus Placebo). Ziel der Untersuchung war es, herauszufinden, ob auch Cortisol allein mit der Aufhebung abrufinduzierten Vergessens einhergeht. Die Applikation des Medikamentes erfolgte parallel zur Stressinduktion in Studie 1 zwischen dem Lernen und der Abrufübung. Jedoch hob Cortisol allein abrufinduziertes Vergessen nicht auf. Nun unterscheidet sich tatsächliches Stresserleben von der bloßen Cortisolapplikation insofern, dass Stress sowohl mit einer Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HHN-Achse) als auch der Erregung der sympatho-adreno-medullären Achse (SAM-Achse) einhergeht. Damit führt Stresserleben nicht nur zur Ausschüttung von Cortisol, sondern auch zur Freisetzung von (Nor-) Adrenalin und zu spürbarer Erregung. Unlängst wird eine Interaktion zwischen HHN- und SAM-Achse bei der Vermittlung des Stresseffektes auf das Gedächtnis diskutiert. Eine Post-hoc-Analyse zeigte, dass abrufinduziertes Vergessen auch unter Cortisoleinfluss aufgehoben wurde; nämlich dann, wenn die Versuchspersonen zusätzlich während der Abrufübung hoch erregt waren. Erregung allein führte dagegen nicht zur Aufhebung des Effektes. Damit scheint eine Interaktion zwischen HHN- und SAM-Achse den Einfluss von Stress auf abrufinduziertes Vergessen zu vermitteln. Dieser Aspekt, der zusätzliche Einfluss von (Nor-) Adrenalin auf die Gedächtniskontrolle, kann zukünftig für die Behandlung der PTBS hilfreich sein.<br />In Studie 3 gingen wir der Frage nach, ob abrufinduziertes Vergessen auch bei chronisch gestressten Personen beeinträchtigt ist. Mithilfe eines modifizierten Abrufübungsparadigmas untersuchten wir gesunde deutsche Teilnehmer und Opfer eines Bürgerkrieges mit und ohne PTBS aus Norduganda. Abrufinduziertes Vergessen trat in der deutschen Versuchspersonengruppe auf, fand sich aber in keiner der beiden ugandischen Stichproben. Zu diesem Ergebnis trug vermutlich die Tatsache bei, dass sämtliche ugandischen Teilnehmer, sowohl mit als auch ohne PTBS, traumatische Events aufwiesen. Eine Post-hoc-Analyse zeigte, dass die Anzahl der traumatischen Erfahrungen bei der Aufhebung abrufinduzierten Vergessens eine wesentliche Rolle spielt.<br />Insgesamt konnte in allen drei Studien eine Aufhebung abrufinduzierten Vergessens unter Stress demonstriert werden. Eine Interaktion aus HHN- und SAM-Achse scheint den akuten Einfluss von Stress auf die beim abrufinduzierten Vergessen involvierten Strukturen zu vermitteln. Bei chronisch gestressten Probanden sind vermutlich funktionelle und strukturelle Veränderungen auf Ebene des PFC, ACC und Hippocampus für die defizitäre Gedächtniskontrolle verantwortlich.

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